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Schüler forschen in der Geschichte

STADE. Schüler der Stader Gymnasien Athenaeum und Vincent-Lübeck haben sich mit Erfolg am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligt. Sie haben Landes- und Förderpreise erhalten. Einige Arbeiten gehen jetzt ins Rennen um den Bundespreis.
Am Vincent-Lübeck-Gymnasium: Timon Klensang, Paula Schulz, Johannes Heinßen, Sebastian Müller und Johannes Völzing. Fotos: Beneke
Von September 2018 bis Februar 2019 haben die Jugendlichen zu historischen Themen recherchiert, die sich unter dem aktuellen Motto des Wettbewerbs –„Krise, Umbruch und Aufbruch“ – zusammenfassen lassen. Am Vincent-Lübeck-Gymnasium betreut Geschichtslehrer Dr. Johannes Heinßen seit Anbeginn die Wettbewerbsbeiträge. Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft und viel Eigeninitiative zu Hause haben sich die Schüler mit ihren selbst gewählten Themen befasst.
Timon Klensang (15) hat die wechselvolle Geschichte des lange umstrittenen Baus des Kultur- und Tagungszentrums Stadeum, die sich über ein Jahrzehnt, von 1979 bis 1989 hinzog, nachgezeichnet. Dafür erhielt er einen Förderpreis. Mehr als 500 TAGEBLATT-Artikel hat er dazu ausgewertet. „Ich laufe jeden Tag am Stadeum vorbei, wusste aber nichts über dessen Geschichte“, beschreibt er seine Motivation für die Recherche.

Geschichte wird immer spannender

Mit jedem Artikel sei ein neuer Akteur, ein neues Detail zutage getreten, erzählt der Gymnasiast. „Es wurde zunehmend spannender“, sagt Timon Klensang. Dass das Stadeum trotz massiver Proteste aus der Bevölkerung schließlich gebaut werden konnte, liegt für ihn nach der umfangreichen Recherche auf der Hand: „Es gab immer viel mehr Argumente für die Stadthalle und ihren Standort als dagegen.“
Judith Washof (19) befasste sich mit der Rolle der Bürgerwehren in der Landdrostei Stade während der Revolution von 1848 – und heimste einen Landessieg ein. Dazu wertete sie vor allem Archivalien aus. Die königliche Regierung hatte die Magi-strate der Städte angewiesen, dass Bürgerwehren zu gründen sind. Daraufhin sei der Wunsch nach Waffen stark gestiegen, doch die Vorräte im Zeughaus waren knapp. Gerüchte in der Bevölkerung heizten die Furcht vor den Bürgerwehren an.

Auch kreative Formen zugelassen

Nicht nur klassische Hausarbeiten können als Wettbewerbsbeiträge eingereicht werden, auch kreative Formen sind zugelassen. Paula Schulz und Johannes Völzing (beide 12) machten davon Gebrauch – und bekamen einen Förderpreis. Sie verfassten einen Podcast, in dem sie zwei Sturmfluten im 18. und 19. Jahrhundert (1717 und 1893) in ihren Auswirkungen auf die Menschen verglichen. Dabei mussten sie sich altdeutsche Texte erschließen, die in ihrer Schrift und Sprache so ganz anders waren als die bisher aus dem Geschichtsunterricht bekannten historischen Quellen. In alten Protokollen lasen sie etwa Erörterungen zu der Frage, ob der Nachtwächter ordentlich gearbeitet hat oder ob verendete Tiere auf den Bauernhöfen auf dem Land illegal vergraben worden sind.
Am Athenaeum: Niklas Wist, Dennis Röder, Josefine Wiens, Martin Niestroj und Katharina Wenk.
Sebastian Müller (13) befasste sich mit dem Schicksal des Geisteskranken Heinrich Vollmers, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Stade gelebt hat. Er erfuhr, mit wie viel Verachtung dem Hirnkranken begegnet wurde. Sein Resümee: „Der Umgang war damals schlimmer als heute.“

"Wie hat es sich dort angefühlt?"

Am Athenaeum betreut Fachobmann Dennis Röder die Arbeiten, ebenfalls im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft. Als Landessieger begab sich Niklas Wist (15) auf die Spuren seines Urgroßvaters. Ein Bambusstock aus China, den die Familie noch immer besitzt, inspirierte ihn zu der Recherche: „Warum sieht dieser Stock so anders aus? Diese Frage hat mich schon immer interessiert.“ Der Oberheizer-Monteur Peter Wist, eigentlich Schmied in Dornbusch, musste ausweislich eines Bestellungsbefehls zur Werftdivision Wilhelmshaven II. 1911, kurz vor dem 1. Weltkrieg, war er als Reservist in China eingesetzt. Fotos und Postkarten zeugen von einem angenehmen Leben in der Kolonie, zu dem auch Ausflüge mit einheimischen Begleitern zählten. „Ich habe mich immer gefragt: Wie hat er sich dort gefühlt?“, sagt Niklas Wist. Eine Frage, auf die er keine eindeutige Antwort fand. Zwei Jahre nach der Rückkehr starb der Reservist an der Westfront in Belgien.
Ein Förderpreis ging an Josefine Wiens und Katharina Wenk (beide 13), die sich mit der Krise der Landwirtschaft in ihrem Heimatort Dollern beschäftigt haben. Anhand einer fiktiven Erzählung, die auf wahren Begebenheiten basiert, zeichnen sie die Geschichte eines Bauernhofes nach. Dazu haben sie einen örtlichen Landwirt befragt, dessen Hof seit Jahrhunderten existiert. Dabei fanden sie Erstaunliches heraus: Etwa, dass Napoleon eine Hauptstraße quer über die Ländereien bauen ließ. Dort verläuft heute die Bundesstraße 73.
Lehrer Heinßen vom Vincent-Lübeck-Gymnasium lobt die Zusammenarbeit mit den Archiven. Im Stadt- und im Landesarchiv sei den Schülern viel Unterstützung widerfahren. Der Wettbewerb ist offen für alle Jahrgänge und soll das wissenschaftliche Arbeiten fördern, sagt Athenaeum-Kollege Röder.Quelle: Stader Tageblatt vom 08.10.2019