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In die gute Laune mischen sich Sorgen

STADE. Einmal im Jahr ist Stade der Mittelpunkt des Elbe-Weser-Raums. Führende Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wünschen sich ein gutes neues Jahr, klönen und netzwerken, wenn die Industrie- und Handelskammer zum Jahresempfang lädt. Dieses Jahr gab es einen Ehrengast.
Im Ge­spräch: Minister­prä­si­dent Ste­phan Weil und IHK-Haupt­ge­schäfts­führer­in Mai­ke Biel­feldt. Fotos: Berlin
Der Chef der Landesregierung betrat gut gelaunt die mit 900 Menschen prall gefüllte Arena. Der SPD-Mann schüttelte viele Hände, hatte ein kurzes, freundliches Wort und herzte den ehemaligen Landwirtschaftsminister Heiner Ehlen (CDU). Offenbar war Weil gekommen, um gute Stimmung zu verbreiten. „Da kann man nicht meckern“ – salopp umriss er die Lage des Landes und untermauerte seine Position mit Zahlen aus der Wirtschaft. Mit drei Millionen sozialversicherungspflichtigen Jobs verzeichne Niedersachsen einen Beschäftigungsrekord, die Arbeitslosenquote liege bei nur 4,9 Prozent. In einer bundesweiten Tabelle des Wirtschaftswachstums belege Niedersachsen Platz drei hinter Berlin und Bayern.
Da könne die Politik gar nicht so viel dafür, sondern die Werte seien das Ergebnis lang anhaltender, harter und erfolgreicher Arbeit der Unternehmen. Die anwesenden IHK-Mitglieder werden das gern gehört haben. 47.000 Betriebe sind in der Kammer organisiert. Zu ihrem Gebiet gehören die Landkreise Stade, Cuxhaven, Rotenburg, Verden und Osterholz-Scharmbeck, eine Region, in der 800.000 Menschen auf 7000 Quadratkilometern leben. Darauf wies Verdens Landrat Peter Bohlmann in seiner Rede hin.
Stephan Weil ist sich bewusst, dass sich die Politik in den vergangenen Monaten nicht mit Ruhm bekleckert habe. Seine Regierung aus SPD und CDU versuche, sich antizyklisch zu verhalten: „Wir wollen nicht für viel Rauch sorgen, sondern für ordentlich Feuer.“ Das klingt allgemein, war es aber auch.

„Durch und durch unvernünftig“

Für 2019 rechne er aus verschiedenen Gründen mit Abstrichen. Der fürs Land wichtige Außenhandel mache ihm Sorgen. Die „schlimmen Dinge“ rund um den Brexit gehören dazu, die Weil als „durch und durch unvernünftig“ bezeichnete. Er warnte vehement vor den Folgen des Populismus. Ein in Teilen der AfD geforderter Dexit, der Austritt Deutschlands aus der EU, sei Wahnsinn.
Der Export könnte aber auch unter dem neuen Protektionismus à la Trump leiden. Niedersachsen und Deutschland hätten nur eine Chance, wenn sie über die EU ihre Interessen vertreten. Deswegen sei die anstehende Europawahl Ende Mai besonders wichtig. Er forderte seine Zuhörer auf, ein starkes Zeichen für Europa zu setzen – und dafür auch im Bekanntenkreis zu werben.
Fester Bestand­teil: die Auf­trit­te der Big­band von Vin­cent-Lü­beck-Gym­na­si­um und Athe­naeum.
Die Wirtschaft sieht Weil vor weiteren Herausforderungen: die Digitalisierung, der Klimawandel, die Fachkräftesicherung und die Infrastruktur. Die Digitalisierung bringe eine Innovation mit sich, wie sie die Geschichte der Wirtschaft noch nicht gesehen habe. Es sei eines der Topthemen der Landesregierung, die eine Milliarde Euro für neue Datenautobahnen zur Verfügung stellt. Die Ziele: Bis 2020 sollen 90 Prozent der Haushalte einen Zugang haben fürs Internet von mindestens 50 Mega-Bit pro Sekunde. 2025 soll ein flächendeckendes Giganetz stehen mit einer Leistung von 1000 mbit/s. Für das Mobilfunknetz wird 2022 ein flächendeckendes 4G-Netz angestrebt. Weil: „Wir hängen uns rein, dass Sie in Zukunft gut versorgt sind.“

Pläne für A 26 und A 20 in trockenen Tüchern

Kein IHK-Empfang ohne Autobahnen: Die Pläne für die A 26 und A 20 seien in trockenen Tüchern, sagte Weil. Die Frage sei jetzt nicht mehr, ob die neuen Straßen kommen, sondern wann. Konkret wurde er nicht.
Im Klimawandel sieht Weil Chancen und Risiken. Als „erhebliche Herausforderung“ sieht er den Wandel für die Kfz-Industrie im Autoland Nummer eins. Andererseits sieht er Niedersachsen als das Energiezentrum in Deutschland mit dem Wind als Rohstoff des Nordens. Er ist sich sicher: Die Industrie folgt der Energie. Da habe Niedersachsen einen Standortvorteil.
Den Beweis für diese These hatte zuvor IHK-Vizepräsident Lutz Machulez-Hellberg aus Cuxhaven in seiner Rede geliefert. In seiner Heimatstadt herrsche Aufbruchstimmung, die Stadt habe sich zu einem neuen Industriestandort gemausert. Zentrales Projekt war die Ansiedlung der Firma Siemens-Gamesa direkt an der Elbe. Hier werden die Gondeln von Windkraftanlagen produziert. 200 Millionen Euro wurden investiert, 1000 neue Jobs geschaffen. Cuxhaven ist das deutsche Offshore-Zentrum.

LNG-Terminal ist „leuchtendes Beispiel der Energiewende“

Lehrer des Jahres (von links): An­drea Klee­blatt, Ste­fa­nie Weißlig;, Hans-Wolf­gang Roth und Dr. Hans-Ot­to Car­me­sin (Sieger)
Ein „weiteres leuchtendes Beispiel der Energiewende“ könnte das geplante LNG-Terminal in Stade werden. Hier könnte verflüssigtes Erdgas angelandet und für Schiffe mit modernem Antrieb zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig sei das LNG in das Erdgasnetz einspeisbar und stünde Betrieben wie Haushalten zur Verfügung. Wasserstoff bezeichnete Machulez-Hellberg in diesem Zusammenhang als „Treibstoff der Elbe-Weser-Region“ und „Powerstoff der Zukunft.“ Der Wasserstoffzug der EVB sei dafür ein gutes Beispiel.
Zum Ausbildungsbetrieb des Jahres wurde von der IHK die Fricke Holding GmbH in Heeslingen ernannt. Fricke beschäftigt 2400 Mitarbeiter und 200 Auszubildende.
Den Ikarus für den Lehrer des Jahres erhielt Dr. Hans-Otto Carmesin vom Athenaeum in Stade. Als Zweitplatzierte wurden ausgezeichnet: Andrea Kleeblatt vom Vincent-Lübeck-Gymnasium, Stefanie Weiß von den BBS 2 in Stade und Hans-Wolfgang Roth von der Waldorfschule Stade. Quelle: Stader Tageblatt vom 17.01.2019