Vincent
Lübeck
Gymnasium
Stade

Wir bei Anderen - Wisconsin, USA

26. Juni 2017: Eine Gruppe von 14 Schülerinnen und Schülern sowie vier Lehrkräften steht um 07: 20 Uhr am Stader Bahnhof. Die Stimmung ist bedrückend und emotional, denn ein tränenreicher Abschied steht bevor. Die Gewissheit, einander für 15 Monate nicht zu sehen, nachdem man sich über zwei Wochen ins Herz geschlossen hat, treibt allen Tränen in die Augen. Während die S-Bahn die Türen schließt, sich schmerzhaft langsam in Bewegung setzt und um die Kurve verschwindet, sagt keiner ein Wort mehr.

Noch mehr Tränen flossen am 22. September 2018, als eine übermüdete Gruppe von Elftklässlern in Begleitung von Frau Bartels und Herrn Brügge auf den Parkplatz der Ripon High School im US-Bundesstaat Wisconsin fuhr. Aber dieses Mal klopfte jedes Herz vor Aufregung, das Lächeln auf den Gesichtern konnte durch nichts mehr getrübt werden, und die Tränen waren Tränen der Freude.
Das Highschoolgebäude war hell erleuchtet, die Eingangstür mit Ballons und Luftschlangen geschmückt und die Schüler liefen an einem Samstagabend aufgehübscht in Anzügen und Kleidern herum, denn wir kamen gerade rechtzeitig zum Ende ihres Homecoming-Dance an. Als wir ausstiegen, erwarteten uns unsere amerikanischen Freunde sehnsüchtig mit einem großen Willkommensbanner und uns blieb nichts anderes übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen und in eine herzliche Grup-penumarmung zu fallen. Im Namen der Gruppe kann ich sagen, dass dieser Moment einer der schönsten der gesamten Reise war. Es mag für den ein oder anderen vielleicht nicht so spektakulär klingen, doch nichts war so pur und voller Freundschaft wie das Wiedersehen nach über einem Jahr des Wartens auf den Tag der Tage, nach einem neunstündigen Flug und einer Gesamtreisezeit von über 24 Stunden.
Die Kleinstadt Ripon im „Molkereibundesstaat“ Wisconsin nimmt wahrscheinlich nicht den ersten Platz auf der Reisezielliste von Touristen ein. Um ehrlich zu sein, gibt es dort auch nicht viel zu sehen, die Landschaft ist unserer sehr ähnlich, überall sieht man Traktoren, Kühe und Felder, und Landwirtschaft steht dort hoch im Kurs. Auf den ersten Blick mag man eine solch moderne Highschool wie die von Ripon an einem solchen Ort nicht erwarten. Dementsprechend groß waren das Staunen und die Begeisterung beim Erkunden der Flure und Klassenräume. Das komplette Schulgebäude wurde vor drei Jahren renoviert und strahlt seither in seinen Schulfarben orange und schwarz, während das Maskottchen, der Ripon Tiger, auf jeder erdenklichen Wand prachtvoll seine Zähne zeigt.
Unser knapp zweiwöchiger Aufenthalt bei unseren Gastfamilien beinhaltete neben dem alltäglichen Schulleben die unterschiedlichsten Aktivitäten: Führungen durch das College in Ripon, eine Exkursion nach Madison mit Universitätsbesuch, eine Tour durch das Wisconsin State Capitol und eine Fahrt nach Green Bay inklusive der Besichtigung des Lambeau-Fields, dem Zuhause der erfolgreichen NFL-Mannschaft Green Bay Packers.
Doch was allen am meisten in Erinnerung geblieben ist, sogar zu den Highlights des Austausches zählt, war eine inoffizielle Übernachtung bei den Retzlaffs. Die Retzlaffs sind eine überaus nette Gastfamilie in Besitz eines landwirtschaftlichen Betriebs und vielen Feldern, weshalb einem meterhohen Lagerfeuer mit allem, was dazugehörte, nichts im Wege stand. Die Stimmung in dieser Nacht war magisch, wir saßen mit Decken umhüllt, Arm in Arm vor dem wärmenden Rot, während wir im Chor „Country Roads, Take Me Home“ und „I See Fire“ sangen. Um uns herum nichts als schwarze Felder und über uns der Sternenhimmel, der im Einklang mit dem Mond ein weiches Licht auf uns warf.
Zu unserem Leid verging die Zeit mit unseren Freunden viel zu schnell, und am 04. Oktober hieß es, auf Wiedersehen zu sagen, um die Busfahrt nach Chicago anzutreten. Wir quetschten uns im gelben Schulbus auf die Fenstersitze, um einen letzten Blick auf unsere Freunde zu werfen. Neben der Trauer schlummerte aber doch noch ein weiteres Gefühl in jedem von uns: Vorfreude, denn wir befanden uns auf dem Weg nach Chicago, einer Megastadt mit rund 2,7 Millionen Einwohnern.
Der zweitägige Aufenthalt gestaltete sich als äußerst lustig, da wir mit 14 Personen in einer Airbnb-Unterkunft gewohnt haben, was zu viel Chaos und Gelächter geführt hat. Gemeinsam erkundeten wir die gigantische Stadt, gingen ordentlich einkaufen, besichtigten die klassischen Touristenattraktionen, wie die Chicago Bean oder den Willis Tower und kamen am Ende des Tages auf eine gelaufene Distanz von über 20 Kilometern. Am Sonntag, dem 07. Oktober, landeten wir um 10 Uhr morgens in Hamburg, erschöpft und müde, aber überglücklich diese Reise gemacht zu haben.
Abschließend stelle ich fest, dass dieser Austausch eine der besten Entscheidungen in unserem Leben war. Die Erfahrungen, eine andere Kultur kennenzulernen, internationale Freundschaften zu schließen und Orte zu sehen, die auf der anderen Seite der Welt liegen, sind und werden auch in Zukunft unvergesslich sein. Ich bin mir sicher, dass diese Verbindung auch in vielen Jahren noch bestehen wird, egal wie weit wir entfernt sind, und kann jedem dringlich empfehlen, an einem Schüleraustausch teilzunehmen, denn Erinnerungen sind die Dinge, die bleiben, die einen langfristig glücklich machen, und das ist doch das Ziel vieler Menschen. Distanz kann Freundschaft nicht aufhalten, solange man sie mit sich im Herzen trägt.
Jana Koopmann, Klasse 11.1