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Dem wahren Leben in staubigen Akten nachgespürt

Dem wahren Leben in staubigen Akten nachgespürt

Von Wilfried Stief
STADE. Monatelang saßen sie in den Archiven, wälzten Akten und machten Aufzeichnungen. Am morgigen Donnerstag fahren Romina Brors und Annika Schacht vom Vincent-Lübeck-Gymnasium nach Hannover und lassen sich feiern.
Das Aktenstudium in den Archiven in Stade war für die beiden VLG-Schülerinnen Romina Brors (links) und Annika Schacht eine spannende Sache. Foto: Stief
Im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten werden sie zusammen mit anderen Schülern aus dem Bundesgebiet mit einer Auszeichnung bedacht.
„Gott und die Welt – Religion macht Geschichte“ – unter diesem Titel stand der Geschichtswettbewerb, der im letzten Jahr begann und nun mit der Feierstunde beendet wird. Für ihre um die 50 Seiten starken Arbeiten schauten sich die beiden jungen Frauen in Stader Archiven um. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Was sie dort entdeckten, unterschied sich stark vom Geschichtsunterricht und dem Lernen aus Geschichtsbüchern. Die staubigen Akten offenbarten sich als lebendige Zeugnisse von Menschen, die lange verstorben sind.
Annika Schacht forschte nach, wie sich die Amtsträger der St.-Cosmae-Kirchengemeinde zu Kriegszeiten zu ihren Gemeindemitgliedern und zum Staat verhalten haben. „Mögen alle Geistlichen sich angetrieben fühlen – Kirche und Krieg in Stade zwischen 1870 und 1949“, lautet der Titel ihrer Arbeit. Das Forschen im Archiv der evangelischen Kirche in Stade ging unter die Haut, beschreibt sie ihre Erlebnisse zwischen den Akten, denn dort las sie auch viele Briefwechsel. Briefe, die das Leben der Menschen zu Kriegszeiten wiedergaben – mit all ihren Nöten, traurigen und auch fröhlichen Ereignissen. „Mir sind dabei sehr viele einzelne Schicksale begegnet“, sagt Annika Schacht.

Kirche hört auf Gemeinde

Ihre Analyse, die sie auf 50 Seiten niedergeschrieben hat, drückt aus, dass die Kirche sich größtenteils der Mentalität und Nachfrage ihrer Gemeindemitglieder anschloss. Sei sie im Ersten Weltkrieg noch bereitwillig Machtwerkzeug des Staates gewesen, so habe sich die Stader Kirche zwischen 1939 und 1945 vom nationalsozialistischen Staat, der auch keinen Kontakt suchte, abgegrenzt.
Romina Brors befasste sich damit, wie die Stader im Luther-Jahr 1883 in Stade den 400. Geburtstag des streitbaren Kirchenmannes begingen. Auch sie wurde von Geschichtslehrer Dr. Johannes Heinßen bei ihrer Arbeit, die ebenfalls über Monate ging, begleitet und unterstützt.
VLG-Schülerin Brors sichtete Predigten und Festreden aus dem Jahr 1883 zu Ehren des Kirchenmannes. Sie analysierte, wer an der Planung der Feierlichkeiten mitwirken durfte, welche Mitsprachemöglichkeiten der normale Bürger hatte und wie der Festumzug gestaltet wurde. Ihr Fazit: Die bürgerliche Gesellschaft, also die Stader Honoratioren, Händler und Handwerker strotzten vor Selbstbewusstsein und feierten sich selbst mehr als das Geburtstagskind Luther. Schon ein krasser Unterschied zu heute. „Derzeit steht die Ökumene mit im Mittelpunkt“, sagt Romina Brors.
Die VLG-Schülerinnen gehören zu den 60 Schülern aus Niedersachsen, die Auszeichnungen erhalten. Niedersachsens Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) und Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) überreichen die Preise am morgigen Donnerstag im Landtag in Hannover. Insgesamt haben sich aus Niedersachsen fast 520 Jugendliche mit knapp 190 Beiträgen an dem bundesweiten Wettbewerb beteiligt. Besonders erfolgreich war auch das Gymnasium Buxtehude Süd, das als landesbeste Schule ausgezeichnet wird. Bundesweit hatten sich mehr als 5000 junge Menschen auf Spurensuche begeben.

Der Wettbewerb

Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt alle zwei Jahre den Geschichtswettbewerb zu wechselnden Themen aus. Er geht auf eine Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurück und soll bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte wecken. Der Wettbewerb ist nach eigenen Angaben der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Quelle: Stader Tageblatt vom 09.08.2017