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Den Außenseitern auf der Spur

Den Außenseitern auf der Spur

STADE. Gymnasiast Till Nima Albers (18) aus Stade wurde beim Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung ausgezeichnet.
Viel Unterstützung erfuhr Schüler Till Nima Albers vom Vincent-Lübeck-Gymnasium im neuen Landesarchiv von Archivar Dr. Jörg Voigt (links) und dem stellvertretenden Direktor des Hauses, Dr. Thomas Bardelle. Jetzt soll seine prämierte Arbeit im Stader Jahrbuch veröffentlicht werden. Foto Beneke
Strahlende Gesichter am Vincent-Lübeck-Gymnasium: Till Nima Albers hat beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einen dritten Preis auf nationaler Ebene errungen. Er ist der einzige Bundessieger aus dem Landkreis Stade und dem Elbe-Weser-Dreieck. In seiner prämierten Forschungsarbeit widmet sich der angehende Abiturient der Verfolgung von Vagabunden an der Unterelbe im 18. Jahrhundert und stellt eine spannende Verbindung zur aktuellen Flüchtlingsdebatte her.
Ein halbes Jahr hat Till Nima Albers an dem Werk gearbeitet, das schließlich gegen eine Konkurrenz aus 1562 weiteren Einsendungen zum Motto „Anders sein – Außenseiter in der Geschichte“ bestehen konnte. Der Oberstufenschüler wertete dafür historische Originalquellen aus: Gedruckte Verordnungen und handschriftliche Vernehmungsprotokolle, die teilweise noch nicht transkribiert waren, sodass er sich extra mit der Kurrentschrift, einer hoch komplizierten Laufschrift, vertraut machen musste, um sich den Archivalien zu nähern.
Ein frühneuzeitliches Thema mit einer akribischen Herangehensweise, die Seltenheitswert genießt – häufig seien handschriftliche Quellen ein Ausschlusskriterium für junge Forschende, betont Geschichtslehrer Dr. Johannes Heinßen, der das Projekt betreut hat. Der 18-Jährige habe sich hohe Ansprüche gesetzt, „denen manche Studenten nicht gewachsen sind“, urteilt der Pädagoge.
Unzählige Male saß der Gymnasiast im Lesesaal des Stader Staatsarchivs, wo er die Unterlagen einsehen konnte. Vize-Direktor Dr. Thomas Bardelle und Archivar Dr. Jörg Voigt unterstützten ihn bei der mühsamen Arbeit. So gelang es ihm, den staatlich verordneten Umgang mit den Außenseitern der damaligen Gesellschaft (Landstreicher, Juden, Handwerksgesellen, Bettler) nachzuzeichnen. Dabei konnte der seit früher Jugend geschichtsinteressierte Schüler eine „starke Diskrepanz“ zwischen der Rechtslage und dem Alltag nachweisen: „Die Regierung der Herzogtümer Bremen und Verden besaß keine Kontrolle über diese Menschen.“ Das habe die Durchsetzung der vorgesehenen Strafen erschwert. Damals wie heute hätten die Machthaber versucht, dem Problem durch Abschottung Herr zu werden – was misslang. Dabei sei Ursachenforschung das Gebot der Stunde, sagt der 18-Jährige – auch mit Blick auf die große Zahl an Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen.
Die Historiker sind voll des Lobes über die entstandene lokalgeschichtliche Arbeit, die „famos formuliert“ sei und höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werde. Ein Exemplar des Aufsatzes hält Archivar Dr. Jörg Voigt bereits in den Händen. Der Stempel ist gesetzt, nur die Signatur fehlt noch. Dann wird das gebundene Heft in den Bestand seines Hauses übergehen und dank des digitalen Bibliothekskatalogs im Internet abrufbar sein.
Sein Kollege Dr. Thomas Bardelle hofft, dass in Zukunft weitere Schüler dem Vorbild folgen und sich mit den historischen Schätzen aus dem Staatsarchiv, einem hervorragenden außerschulischen Lernort, beschäftigen. Der stellvertretende Hausleiter spricht vom „Reiz des Originals“ und erklärt – auch mit Blick auf den jüngsten Erfolg beim Geschichtswettbewerb – aus voller Überzeugung: „Es lohnt sich.“
Sein Team unterstütze die Jugendlichen mit Freude bei ihren ersten wissenschaftlichen Gehversuchen. Die individuelle Förderung durch die Archivare und seinen Lehrer habe ihm einmalige Erfahrungen beschert, bestätigt der Geehrte. Till Nima Albers wird das Vincent-Lübeck-Gymnasium im Sommer mit dem Abitur verlassen und möchte dann ein Jura-Studium aufnehmen. Wo genau, steht noch nicht fest.
Sein Bundessieg bietet ihm aber die Möglichkeit, von der Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen zu werden. Die Einladung zu einem Auswahlseminar hat er schon erhalten. Bis dahin wird der 18-Jährige noch einmal an seinem Forschungsprojekt feilen und das eingereichte Werk als Beitrag für die neue Ausgabe des Stader Jahrbuchs redigieren. Im vergangenen Jahr hat der Geschichts- und Heimatverein als Herausgeber eigens eine Rubrik für „herausragende Schülerarbeiten“ eingeführt.

Eine kurze Historie des Geschichtswettbewerbs

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in der Bundesrepublik und hat zum Ziel, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die Geschichte der eigenen Region wecken, Selbstständigkeit im Lernen zu fördern sowie das Verantwortungsbewusstsein und damit die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler zu stärken. Seit der Gründung 1973 durch den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und den Stifter Kurt Adolf Körber, Unternehmer im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus, haben über 136 000 junge Menschen mit mehr als 30 000 Beiträgen an den Wettbewerbsrunden unter wechselnden Themenstellungen teilgenommen. Beteiligen können sich alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter 21 Jahren. Weitere Informationen über die Preisträger im Internet. (bene)
www.geschichtswettbewerb.deQuelle: Stader Tageblatt vom 23.11.2015