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Schüler schreiben Geschichte

Schüler schreiben Geschichte

Von BJöRN VASEL. LANDKREIS. Sie können stolz sein: Sechs Schüler aus Stade und Buxtehude haben beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hervorragend abgeschnitten.
Dr. Christina Deggim vom Stadtarchiv Stade (links) zusammen mit Theresa Lütje, Till Nima Albers und Lene Nell, den Siegern vom VLG, sowie Tutor Dr. Johannes Heinßen. Foto von Borstel
Doch nicht nur Landessieger stellt die Region – das Gymnasium Süd in Buxtehude wurde als „Landesbeste Schule“ ausgezeichnet.
Wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mit diesen Worten beschreibt Lene Nell die Forschung für ihren Beitrag „Zwischen Akzeptanz und Fremdenhass. Migranten in den 60er- und 90er-Jahren in Deutschland“. Sie ist eine von drei Landessiegern am Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade beim diesmaligen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Die Abiturientin fasst zusammen: „Der Fremdenhass richtete sich ab den 60er-Jahren vorwiegend gegen Asylsuchende, Akzeptanz herrschte gegenüber Gastarbeitern.“ Ihre Koautorin Theresa Lütje hebt die Aktualität der Ausarbeitungen im Bezug auf die momentane Flüchtlingsdebatte hervor.
Dass ohne ein Netzwerk aus Schülern, Lehrern und Archivaren beim Wettbewerb wenig läuft, betont der Tutor der Stader Sieger, Dr. Johannes Heinßen. Dr. Christina Deggim vom Stader Stadtarchiv beschreibt die Weg-Findung bei den Projekten: „Die Frage ist auch immer, welche Themen mit den vorhanden Dokumenten umsetzbar sind. Da kommen wir dann ins Spiel.“
Till Nima Albers aus der 11. Klasse widmete sich erfolgreich dem Themenkomplex „Bis das Land vollkommen gesäubert sein wird. Die Verfolgung von Vagabunden im 18. Jahrhundert. Stade 1734-1807.“ Seine Erkenntnis: Es sei erschütternd, welche Personengruppen in der Geschichte Stades – teils in staatlicher Verantwortlichkeit – verfolgt und ausgegrenzt worden seien.
Den „irrsinnigen Aufwand“, so Heinßen, konnten die Nachwuchsforscher leisten, indem sie teilweise von ihrem Seminarfach freigestellt worden waren. Und durch etliche Nachmittage und Wochenenden in den Archiven.
Trotz ihrer Strebsamkeit haben die Drei ihr Privatleben nicht vergessen: Theresa Lütje verdient sich derzeit ein Taschengeld für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Afrika. Ihre Mitautorin Lene Nell hat eine Ausbildung zur Gästeführerin gemacht und war mit einer Gruppe in Estland beim Hansetag. Till Nima Albers ist interessiert an Politik und Literatur. Nach seiner Schulzeit möchte er ein Jura-Studium beginnen.
Freude – am Schulzentrum Süd in Buxtehude. Das Gymnasium Süd ist beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten „Anders sein. Außenseiter in der Geschichte“ als „Landesbeste Schule“ ausgezeichnet worden. Die Schüler hatten sich für ihre Seminarfacharbeiten durch die Staats- und Stadtarchive gewühlt. „Die Arbeit mit den Originalquellen, aber auch Gespräche mit Zeitzeugen, machen Geschichte erst richtig spannend und anschaulich – man kann sich richtig reindenken“, sagt Katrin Trost (18). Am 24. September 2015 werden die Landessieger aus Stade und aus Buxtehude in Hannover ausgezeichnet. Das Trio ist „schon jetzt ganz zufrieden“, allerdings würden sie sich natürlich freuen, wenn Bundespräsident Joachim Gauck sie am 17. November als Bundessieger im Schloss Bellevue in Berlin empfangen würde.
Katrin Trost hat sich mit einem bekannten Künstler beschäftigt. „Johann Michael Bossard – Die Errichtung eines Gesamtkunstwerkes. Der Weg in das Außenseiterdasein“, lautetet das Thema ihrer Arbeit. „Nicht nur die Jury des Wettbewerbs, auch die Kunststätte Bossard bei Jesteburg ist begeistert“, freut sich Lehrer Ronny Wittig. Die 18-jährige Gymnasiastin wird ihre Arbeit in dem Kunsttempel – einst Wohn- und Atelieranlage – präsentieren.
Einer ganze besonderen Berufsgruppe widmete sich Alina Wintzen (17). Sie machten sich auf einen Streifzug durch die Geschichte der Berufsgruppe der Scharfrichter und Henker im Großraum Stade – unter Berücksichtigung der bruchstückartigen Quellenlage. Eigentlich wollte sie sich mit Störtebeker befassen, schwenkte aber auf die Bremer Scharfrichterfamilie Goepel um, als sie bei ihren Recherchen erfuhr, dass Störtebekers Henker Justus Rosenfeld aus Buxtehude kam. „Sie mussten in der Kirche extra sitzen, auch in der Gaststube hatten sie eigenen Tische, das Trinkgefäß war angekettet.“ Außerdem mussten die Scharfrichter die Kloaken reinigen.
Johanna Jansing (16) widmete sich den Katholiken in Buxtehude; 1852 lebten sechs in Buxtehude und Altkloster, heute fast 5000; viele kamen als Flüchtlinge nach dem Krieg, als Soldaten oder auf der Suche nach einem Job. Sie beschreibt am Beispiel von Mariä Himmelfahrt den Weg von der Flüchtlings- zur offenen Gemeinde in der Diaspora. Alle Arbeiten liegen im Stadtarchiv. Stadtarchivar Bernd Utermöhlen: „Die Arbeiten sind in der Geschichtsszene anerkannt und werden für Recherchen genutzt.“Quelle: Stader Tageblatt vom 11.06.2015