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Jazz im Blut: Vincents Bigband groovt seit 20 Jahren

Jazz im Blut: Vincents Bigband groovt seit 20 Jahren

STADE. Schulband unter Leitung von Frank Münter setzt auf Gemeinschaft und gute Musik – Freitag steigt das große Konzert im Stadeum.
Altstadtfest in Stade, Spargelfest auf Kuhla, IHK-Neujahrsempfang im Stadeum oder Frühschoppen in der Seminarturnhalle; alle zwei Jahre auch gern in Denver, Colorado. Die Vincents Bigband ist seit 20 Jahren fester Bestandteil des kulturellen Lebens im Landkreis Stade. Vier Schülergenerationen haben mit ihr Musik gemacht, die Gemeinschaft erlebt und so mancher die Liebe zum Jazz entdeckt. Am Freitag, 5. Juni, feiert die Bigband des Vincent-Lübeck-Gymnasiums ihr 20-jähriges Bestehen mit einem Jubiläumskonzert im Stadeum.
Alles fing an mit dem Dienstantritt von Frank Münter am Vincent-Lübeck-Gymnasium im Jahre 1993. Während des Referendariats hatte er in Winsen unterrichtet und dort seine erste Schüler-Bigband gegründet. In Stade übernahm er zunächst den verwaisten Chor. Doch die Lust auf Bigband brannte weiter. Im Schuljahr 1994/95 gründete Münter die VLG-Bigband, anfangs mit knapp unter 20 Schülern. Aktuell sind es fast 40, fast ein Jazzorchester.
Drei Bigband-Musiker im Hause Trapp: Karl, Fritz und Otto (von oben) mit ihren Eltern Swantje und Tim.
Im Hause Trapp in Stade ist mit drei Bigband-Kindern der Wechsel fließend. Karl, der Älteste, macht gerade Abi und wird die Bigband zum Sommer verlassen. Er kam in der 7. Klasse mit der Trompete zur Bigband und packte seine Violine beiseite; „die Musik war so schmissig.“ Otto, der Jüngste, steht in den Startlöchern: „Als ich das erste Mal ein Schlagzeug-Solo von der Bigband gehört hatte, wusste ich, das will ich auch“, erzählt der Fünftklässler. In der Rock-, Pop-, Jazz-AG, ebenfalls von Münter gegründet, trommelt der Elfjährige bereits. Und der mittlere Bruder Fritz, 14 Jahre alt, ist seit drei Jahren dabei. Er spielt Klarinette bei „Vincents“. Das Instrument empfahl ihm Karl. „Trompeten und Saxophone hatten wir genug“, erklärt der Abiturient.
Was die Vincents Bigband ausmacht, ist die Gemeinschaft. Ob Sechst- oder Zwölftklässler, ob Junge oder Mädchen – der Umgang miteinander ist unverkrampft. „Wir wollen eine gute Zeit verbringen und dabei gute Musik machen.“
Die Bigband-Familie Woiske – Michael, Alina, Miklas und Kirsten – mit dem Plakat für ihr Jubiläumskonzert.
Von der guten Zeit schwärmt auch Alina Woiske. Die 19-Jährige kam Ende 2009 in die Bigband. Da war gerade die nächste Denver-Fahrt in Planung. „Erst habe ich mich nicht getraut mitzufahren, aber dann war das so schön.“ Die Bigband und später das Orchester seien das Wichtigste für sie während der Schulzeit gewesen. „Da hatte ich meine Freunde, in der Klasse weniger.“
Inzwischen ist die ganze Familie eingebunden. Bruder Miklas ist derzeit einer von mehreren Pianisten. Sie wechseln sich bei den Auftritten ab, „da fühlt sich keiner zurückgesetzt“, versichert der 15-Jährige. Mutter Kirsten ist Groupie bei den Auftritten und sorgt, wie viele andere Mütter auch, bei besonderen Anlässen fürs Fingerfood-Büffet. Und Vater Michael ist der Webmaster von Vincents Bigband und entwirft seit 2011 die Plakate – sechs Stück bisher. Ganz nebenbei hat er an die 2000 Bigband-Fotos archiviert. „Mit Musik hatten wir zuvor nichts am Hut“, erzählt der Vermessungsingenieur. Aber der Spaß der Kinder sprang auf die Eltern über. Und jetzt verpassen sie kaum ein Konzert. Ebenso wenig Swantje und Tim Trapp, die Eltern von Otto, Fritz und Karl.
Dass Alina mit ihrer Querflöte und Fritz mit der Klarinette bei „Vincents“ ihren Platz fanden, liegt daran, dass die Besetzung nicht der klassischen Bigband entspricht. Am VLG sind auch Querflöten dabei, Klarinetten oder mal eine Tuba. „Nur Streichinstrumente funktionieren leider nicht“, sagt Münter. Ungewöhnlich auch: Von Anfang an trat die Vincents Bigband mit Sängerinnen auf. „Das ist unser Markenzeichen.“
Auf eines legte Frank Münter schon ganz früh wert: Der Austausch mit anderen Bigbands. „Es ist nicht gut, im eigenen Saft zu schmoren.“ Durch den Kontakt nach Lüneburg holte er über viele Jahre die Bigband Blechschaden her. Sie gastierte in Stade mit Größen wie Maria Schneider, Joe Gallardo oder Geir Lysne. Musiker, die die jungen Gymnasiasten so wahrscheinlich nie erlebt hätten. Der Blick über den Tellerrand brachte die Vincents Bigband auch nach Karlshamn und nach Truro in Cornwall, wo es bis 1998 eine Partnerschule gab. Doch das absolute Highlight für die Nachwuchs-Jazzer ist der Austausch mit der Wheat Ridge Highschool aus Denver. Außerdem lädt Münter seit Jahren junge Bands, wie die des ehemaligen VLG-Schülers Jonas Ganzemüller, für Workshops ein.
Macht sich das in der Arbeit bemerkbar? „Nicht unmittelbar“, sagt Münter, „aber manchmal merkte man doch bei den Proben, dass einzelne sich mehr trauten und anfingen zu experimentieren.“ Der ein oder die andere machte dann tatsächlich die Musik später zum Beruf. „Ich habe immer mal wieder Spitzentalente dabei, mit denen ich viel schwierigere Stücke spielen könnte. Aber dann hänge ich die Jüngeren ab.“
Darum ging es Münter nie. Er will gute Arbeit machen, aber der Leistungsgedanke steht nicht im Vordergrund. So blieb auch die Teilnahme an einem Orchesterwettbewerb 1999 ein einmaliges Ereignis. „Da ging es nicht um Förderung von Jugendlichen, sondern nur um die Vergabe von Punkten. Mit Pädagogik hatte das nichts zu tun.“
Mit jedem Schuljahreswechsel gibt es einen Neuanfang. Alina ist seit einem Jahr im Studium. Ganz aktuell werden in diesem Sommer 14 Musiker die Schule und damit die Bigband verlassen – so wie Karl. Doch die Kleinen von vor zwei, drei Jahren, Fritz und Miklas etwa, sind jetzt schon die Großen; angeleitet durch die erfahreneren. „Wenn die Abiturienten sich rausschleichen, nehmen die nachwachsenden ganz selbstverständlich die Verantwortung.“ Ein fließender Prozess, seit 20 Jahren. Und Otto freut sich drauf.

Vincents Bigband

Im Schuljahr 1994/95 gründete Frank Münter am Vincent-Lübeck-Gymnasium die „Vincents Bigband“. Der erste Auftritt war Ende Januar 1995 ganz intern ein Pausenkonzert zum Halbjahreswechsel. Dabei blieb es nicht. Schnell sprach sich das gute Niveau der Schüler-Band herum. 1997 zählte die Band bereits neun Auftritte. Und im Februar 1998 spielte die Bigband im Vorprogramm von Blechschaden in Lüneburg. Neben verschiedenen Auslandsauftritten pflegt die Bigband seit zehn Jahren einen Austausch mit der Wheat Ridge Highschool aus Denver. Am 5. Juni spielt die Vincents Bigband um 19.45 Uhr im Stadeum ihr Jubiläumskonzert. Es gibt noch Restkarten. Am 20. Juni ist sie von 13 bis 15 Uhr auf der Bühne am Fischmarkt beim Altstadtfest zu hören.Stader Tageblatt vom 03.06.2015