Vincent
Lübeck
Gymnasium
Stade

Der Islam braucht eine Reformation

„Der Islam braucht eine Reformation“

STADE. Die 150 Schüler im Foyer des Vincent-Lübeck-Gymnasiums sind mucksmäuschenstill, als der aus Stade stammende Hasnain Kazim ihnen erklärt, warum sie nicht mit ihren Handys filmen sollen. Für die Aussagen, die der Spiegelkorrespondent in der Türkei und ehemalige Schüler der Schule am Freitag macht, würden andere Menschen geköpft werden.
Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim diskutierte am Stader Vincent-Lübeck-Gymnasium mit den Schülern. Foto Tiemann
„Ich befürchte aber, es gibt dort keine andere Lösung“, sagt Hasnain Kazim über die seit dieser Woche andauernden Luftschläge des US-Militärs gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Er sei kein Pazifist, finde aber Waffeneinsätze nicht generell gut. „Der Islam braucht eine Reformation“, das sei laut Kazim die Lösung der Probleme in der arabischen Welt. Der Westen könne die Mentalität der Menschen nicht bombardieren. „Der Koran und Islam muss der Zeit angepasst werden“, sagt der Journalist. Nicht jeder Buchstabe dürfe für bare Münze genommen werden.
Vor 20 Jahren hat Hasnain Kazim das Vincent-Lübeck-Gymnasium verlassen. Heute ist der 39-Jährige am Gymnasium Pate des Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Die Schüler hängen anderthalb Stunden an den Lippen des Journalisten mit pakistanischen Eltern. Sie stellen Fragen und diskutieren. Er selbst bezeichnet sich als muslimisch-stämmig. „Für diese Aussage könnte ich umgebracht werden“, sagt Kazim. Er habe bereits viele Morddrohungen erhalten.
„Es schweigen viel zu viele Leute aus Angst.“ Hasnain Kazim schweigt nicht. Er könne aber auch mit einer großen Firma im Hintergrund für seine Sicherheit sorgen. „Durch bestimmte Gebiete fahre ich nur mit Personenschutz“, sagt Kazim.
Seit dem 12. September ist die Terrormiliz IS in Deutschland verboten. Damit reagiert die Bundesregierung auf die Rekrutierungen in Deutschland. „Man kommt in Istanbul schnell in Kontakt mit den Menschen des IS“, sagt er. Istanbul sei trotz seiner Fortschrittlichkeit ein großes Rekrutierungszentrum für Islamisten. Die jungen Menschen, die auf den Zug aufspringen, „sind oft Leute aus schwierigen Verhältnissen“.
Hasnain Kazim blickt nicht sehr positiv in die Zukunft: „Für Afghanistan gibt es im Moment keine Lösung, Pakistan entwickelt sich radikal bergab.“ Da in Afghanistan die Strukturen fehlen, hält Kazim den Abzug des Militärs für falsch.

Zur Person

Hasnain Kazim ist als Kind von aus Pakistan stammenden Eltern in Hollern-Twielenfleth aufgewachsen. Nach seinem Abitur in Stade ging er als Offizier zur Marine und studierte an der Bundeswehrhochschule in Hamburg Politikwissenschaften. Erste journalistische Erfahrungen machte Kazim 1998/99 als Mitarbeiter der TAGEBLATT-Redaktion. Nach seinem Studium ging er im Jahr 2000 zur Heilbronner Stimme. 2006 bekam er das Angebot, in der Spiegel-Online-Redaktion zu arbeiten. 2009 wurde er Spiegel-Korrespondent in Pakistan. Im Jahr 2013 wechselte er nach Istanbul. Quelle: Stader Tageblatt vom 27.09.2014