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Lehrer machen Front gegen Rot-Grün

Lehrer machen Front gegen Rot-Grün

LANDKREIS. Auf den Stühlen im Forum des Stader Vincent-Lübeck-Gymnasiums sitzen gut 150 Lehrer. Am Pult müssen sich Politikerinnen von SPD und Grünen auslachen lassen. Applaus gibt es für den Landtagsabgeordneten der CDU, Kai Seefried. Mit der neuen Bildungsoffensive hat sich die rot-grüne Landesregierung am Gymnasium keine Freunde gemacht. Auch Schülersprecher Heiner Stinner tritt bei der Podiumsdiskussion für die Pädagogen ein. Dabei sind es doch die Jugendlichen, die unter dem Protest der Gymnasiallehrer gegen unbezahlte Mehrarbeit leiden – Klassenfahrten soll es für sie erst einmal nicht mehr geben.
So sieht ein Teil des Lehrerberufs aus: Unterricht. Diese Zeit wird um eine Wochenstunde erhöht. dpa
Es war die erste öffentliche Aus­sprache der Lehrer­vertreter mit der Politik. Bei der Podiums­diskussion, zu der die Personal­räte der Stader Gymnasien ein­geladen hatten, mussten sich die stell­vertretende SPD-Fraktions­vorsitzende Petra Tiemann und Grünen-Land­tags­abgeordnete Elke Twesten am Donners­tag­abend erwartungs­gemäß einiges an­hören.
„Sind Sie eine Partei wie der ADAC, wo sozial draufsteht, aber nicht sozial drin ist?“, fragte Lehrer­vertreter Wolfgang Ehlers als Bezirks­personalrat und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Er bezog sich auf die vereinbarte Alters­ermäßigung von einer Wochen­stunde für Lehrer ab 55 Jahre und von zwei Stunden ab 60 Jahre, die jetzt ausgesetzt ist. Seit zehn Jahren sei diese fest­geschrieben gewesen. „Wieso stehen Sie nicht dazu?“, so Ehlers.
Vor allem bei der Arbeitszeit­erhöhung fühlen sich die nieder­sächsischen Gymnasial­lehrer von Landes­regierung und Medien falsch dargestellt. Auf dem Papier geht es um eine Stunde mehr pro Woche. Statt 23,5 Stunden müssen die Gymnasial­lehrer künftig 24,5 Unterrichts­stunden absolvieren. Mit Vor- und Nach­bereitung des Unter­richts sei aber schnell die 48-Stunden-Woche erreicht, erklärte Ehlers – besonders in den höheren Jahrgängen mit zum Teil sehr umfang­reichen Klausuren.
Unterstützung bekam Ehlers von Kai Seefried, der als bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion gegenüber Twesten und Tiemann spürbar im Vorteil war, da er die Inhalte der Diskussion bestens kennt. Rot-Grün gebe im Rahmen der Bildungsoffensive 24 Millionen Euro zusätzlich ins System, nur in diesem Jahr brächten die Einsparungen bei den Lehrern aber schon 35 Millionen Euro ein. „Diese Bildungsoffensive wird über Gebühr von den Lehrern bezahlt“, sagte Seefried. Dass Einsparungen für die Finanzierung von Krippen, Inklusion und Ganztagsschulen nötig seien, unterstrich mehrfach Finanzexpertin Twesten.
Warum aber nur bei den Gymnasiallehrern die Arbeitszeit verlängert werde, fragte Ehlers bei den beiden Politikerinnen der Regierungsparteien nach. Beim Vergleich der Arbeitszeiten von Gymnasiallehrern habe Niedersachsen einen der niedrigsten Werte aller Bundesländer gehabt, antwortete Petra Tiemann. Einer Vergleichbarkeit dieser Stundenzahlen stellte der Schülersprecher in Frage. Schließlich müsse man berücksichtigen, dass Niedersachsens Gymnasiallehrer im Ländervergleich auch mit am wenigsten verdienten. „In gewisser Weise ist der Lehrerberuf ja ein Idealistenberuf“, sagte Stinner. Würde es ums Geld gehen, würde man nicht Lehrer, so der Zwölftklässler des Athenaeums.
In der Wirtschaft gebe es eine Stechuhr, nach der die Arbeitszeit abgerechnet werde, sah Wolfgang Ehlers Vorteile bei einer eindeutigen Zeiterfassung. Auf die von Elke Twesten angestoßene Diskussion, dass die angekündigte Abkehr vom Turbo-Abi, zurück zum Abitur nach 13 Jahren, den Lehrern parallel Zeit und Entlastung bringe, wollten sich die Pädagogen, die sich mit Kommentaren lautstark aus dem Plenum meldeten, nicht einlassen. Für das von Petra Tiemann angekündigte Entlastungspaket für Gymnasiallehrer, das eine Expertengruppe in zwei Wochen vorstellen werde, hatten sie nur Häme übrig.
Das Thema Klassenfahrten versuchte Moderator Peter von Allwörden mehrfach vergeblich zurück in die Diskussionsrunde zu holen. Der Leiter der Stader TAGEBLATT-Lokalredaktion fand aber auf dem Podium keinen rechten Verfechter für eine schnelle Aufhebung des von den Beamten als Streik-Ersatz ausgerufenen Klassenfahrt-Boykotts. Emotional gesehen fühle er sich als Schüler wie das Seil für das Tauziehen zwischen Landesregierung und Lehrern, sagte der angehende Abiturient Stinner zu dem Thema. Er hoffe auf einen Dialog, an dessen Ende die Klassenfahrten wieder stattfinden, erklärte der Elternvertreter in der Diskussionsrunde, Marc Schimmler.
Man werde es nicht bei der Streichung dieser freiwilligen Leistung belassen, kündigte Lehrer Ehlers an. „Man kann gegen alle Gesetzesvorhaben gerichtlich vorgehen“, sagte er. Wegen der aus seiner Sicht mangelhaften Begründung, warum nur bei den Gymnasiallehrern die Arbeitszeit erhöht wird, sieht er gute Chancen zu gewinnen: „Da muss man sich schon was anderes einfallen lassen, als zu sagen, wir sollen den Landeshaushalt retten.“ Quelle: Stader Tageblatt vom 21.02.2014