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Stade

Aus dem Riesenreich der Mitte in die beschauliche Hansestadt

Aus dem Riesenreich der Mitte in die beschauliche Hansestadt

Gastlehrer aus China seit November am Vincent-Lübeck-Gymnasium – Schule baut ihre internationalen Kontakte aus

Von Daniel Beneke STADE. Wenn Han Shu über deutsche Literatur spricht, dann weiß er darüber mehr als manch ein Abiturient. Von Goethe und Schiller hat er bereits in der Grundschule gehört, während seines Germanistik-Studiums in der chinesischen Hauptstadt Peking las er dann viele Klassiker. Seit ein paar Wochen lebt der 22-jährige Sohn eines Universitätsprofessors nun in Stade und arbeitet als Fremdsprachenassistent am Vincent-Lübeck-Gymnasium.
Der Gastlehrer aus dem Reich der Mitte an seinem Lieblingsort, der Bibliothek des Vincent-Lübeck-Gymnasiums. Han Shu liest er in einem Buch über China, das er in den gut sortierten Regalen fand. "Ich bin überrascht, wie viele Bücher über China es hier gibt", freut sich der Fremdsprachenassistent.
In der Schule lernte er nur Englisch, nach dem Abschluss entschloss er sich zum Germanistik-Studium. Erst zwei Jahre spricht er die deutsche Sprache, startete ohne jede Vorkenntnisse ins Studium. Han Shu, der aus einer 300 Kilometer südwestlich von Peking gelegenen Millionenmetropole kommt, wollte schon immer nach Deutschland reisen. Über ein staatliches Austauschprogramm erhielt er die Möglichkeit, als Gastlehrer an einem niedersächsischen Gymnasium zu arbeiten. So kam Han Shu Anfang November nach Stade, wo er fortan am Vincent-Lübeck-Gymnasium arbeitet.
„Die Stadt ist schön und die Luft ist viel besser“, beschreibt er seine ersten Eindrücke in einwandfreiem Deutsch. Der junge Mann genießt es, beim Gang durch die smogfreie Hansestadt durchatmen zu können. „In Stade sind viele historische Häuser erhalten worden, das ist in China sehr selten“, lobt er und zeigt sich fasziniert von dem kulturellen Angebot der Elbmetropole. „Eine kleine Stadt in China hat keine Theateraufführungen, keine Kunstausstellungen. Hier gibt es alles.“ In Stade wohnt er auch, eine langjährige Mitarbeiterin der Schule hat ihn in ihrem Haus aufgenommen.
Das Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade, der neue Einsatzort für Han Shu.
Von Schülern und Lehrern sei er freundlich empfangen worden. „Aber ein bisschen Heimweh habe ich schon“, gesteht er. Ohnehin begegnet Han Shu vielen Vorurteilen über China. Manchmal seien die ganz lustig. Etwa, wenn es heiße, die Chinesen blieben bei grünem Ampellicht stehen und gingen bei Rot los. Und das nur, weil Rot die Farbe der Revolution sei und Mao deshalb diese Regel veranlasst habe. „Sowas habe ich in China nie erlebt“, sagt Han Shu und schüttelt lachend den Kopf.
Betroffen machen ihn dagegen ablehnende Meinungen der Deutschen gegenüber China, die nur auf seiner Meinung nach einseitiger Berichterstattung in Medien und Büchern beruhen. Er rät allen, nach China zu fliegen und sich selbst ein Bild zu machen. Ohnehin würden China und Deutschland immer mehr zusammenwachsen. Er sieht die beiden Staaten nicht nur als wichtige Handelspartner, sondern fordert auch einen stärkeren kulturellen Austausch. „In China ist das Interesse an Deutschland sehr groß“, weiß er zu berichten. Schade findet er, dass so wenige Deutsche nach China reisen. Immer wieder stellte der junge Gastlehrer in seinen ersten Tagen in Deutschland die großen Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und dem rasant wachsenden Reich der Mitte fest: „In China sind die Schulen viel größer. Außerdem ist das Bildungsniveau in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich. Nicht jede Region hat herausragende Universitäten. Mancherorts gibt es keine, dafür hat Peking alleine über 100.“ Schuluniformen seien zwar Pflicht, doch an einigen Schulen würden sie trotzdem nur an besonderen Festtagen getragen.
Darf einen neuen Gastlehrer aus dem fernen China begrüßen: Martin Niestroj, stellvertretender Direktor des Vincent-Lübeck-Gymnasiums, ist zuständig für die internationalen Kontakte seiner Schule.
Vielleicht möchte Han Shu später einmal als Lehrer arbeiten. „Ich genieße es, mit jungen Menschen zusammen zu sein. Das ist ein tolles Gefühl. In der Schule fühlt man sich immer jünger“, sagt der 22-Jährige und fügt lachend hinzu: „Bestimmt hat mich mein Vater ein bisschen beeinflusst, er ist Professor an einer Universität.“ Am Vincent-Lübeck-Gymnasium startet er gerade eine Arbeitsgemeinschaft für die fünften und sechsten Klassen, in der er den jungen Gymnasiasten die chinesische Sprache und Kultur näher bringen will. Erfahrungen im Unterrichten hat der 22-Jährige schon gemacht, während des Studiums gab er Deutschkurse an chinesischen Schulen. „Ich möchte gerne über China erzählen. Die Kinder sollen Spaß haben und ihr Interesse für China entdecken. Ich möchte ihnen Lust auf China machen, sie sollen später selbst nach China reisen und sich alles anschauen.“ Quelle: Mittwochsjournal vom 04.12.2013