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Lehrer sind faule Säcke - Standpunkt

„Lehrer sind faule Säcke“

Standpunkt von Wolfgang Stephan

Wir wissen es von Alt-Kanzler Gerhard Schröder: „Lehrer sind faule Säcke“. Deswegen passt es wunderbar ins Bild, dass die Gymnasiallehrer wegen einer Stunde Mehrarbeit pro Woche die Klassenfahrten streichen wollen. Ausgerechnet die Lehrer, die gut bezahlt werden, keine Angst um den Arbeitsplatz haben müssen, die Ferien ohne Ende haben und irgendwie doch überwiegend nachmittags auf Golf- und Tennisplätzen vertreten sind.
BILDERLÄUTERUNG
Es musste mal geschrieben werden. Ich bin mir sicher, die Zustimmung ist groß.
Aber wie immer im Leben, gibt es auch die andere Seite: Die Seite der Pädagogen, die seit Jahren immer mehr die Defizite bereinigen sollen, die die Gesellschaft produziert. Nur ein Beispiel: Nach der Pisa-Studie haben 18,5 Prozent der 15-Jährigen eine Leseschwäche – und das im Land der Dichter und Denker, das aber leider versäumt, den Migrantenkindern ausreichend Förderung in der Vorschule zur Verfügung zu stellen und Lesen zum Luxusgut der Bildungsbürger werden lässt. Die „faulen Säcke“ in den Schulen sollen es richten.
Wen stört es, dass in den vergangenen Jahren die Klassenstärke weiter angehoben und die Oberstufe so reformiert wurde, dass die betroffenen Schulen und Lehrer deutlich mehr belastet werden. Jeder Jugend-Fußballtrainer weiß, wie schwierig es ist, eine Rasselbande von zehn bis 15 Jungs zu zähmen. Aber von jedem Pädagogen verlangen wir die doppelte Leistung. Also ein Plädoyer für diesen Lehrer-Protest? Wenn sich Arbeitnehmer mit ihrem Dienstherren streiten, ist dies in diesem Lande legitim. Und dieses gute Recht haben auch die Lehrer, selbst die Gymnasiallehrer. Aber es ist ein politischer Streit, und der muss auch auf politischer Ebene geführt werden. Nicht auf dem Rücken der Schüler. Trommeln gehört zum Handwerk, Drohungen zum politischen Spiel der Kontrahenten. Deswegen: Ernstnehmen, aber nicht zu viel aufregen. Denn: Weil ich von unseren Lehrern überzeugt bin – mit den meisten möchte ich nicht tauschen –, bin ich sicher, dass sie am Ende des Streits die politische Entscheidung akzeptieren und das weitermachen, was viele von ihnen als Berufung bezeichnen: ihren guten Job. Und dazu gehören auch Klassenfahrten.Quelle: Stader Tageblatt vom 27.11.2013