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Ablehnung und Zustimmung zum Klassenfahrt-Boykott

Ablehnung und Zustimmung zum Klassenfahrt-Boykott

VON KARSTEN WISSER UND DANIEL BENEKE. LANDKREIS. Die Entscheidung der Lehrer der beiden Stader Gymnasien, als Protest gegen die Erhöhung der Arbeitsstunden nicht mehr mit den Schülern auf Klassenfahrt zu gehen, hat sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Einige Schüler denken über Protest nach. Der Schulelternrat des Athenaeums stellt sich hinter die Aktion der Lehrer.
BILDERLÄUTERUNG
„Es reicht uns“, sagt Nils Schraplau, Lehrer und Personalratsvorsitzender am Vincent-Lübeck-Gymnasium, und steht damit stellvertretend für viele Lehrer an den Gymnasien im Landkreis Stade. Das Athenaeum und das Vincent-Lübeck-Gymnasium haben als Reaktion auf die Erhöhung der Pflichtstunden und die Reduzierung der Altersermäßigung eine Aussetzung der Klassenfahrten in der vergangenen Woche beschlossen. Die Lehrer in der Halepaghenschule und am Gymnasium Süd in Buxtehude werden wohl ebenso wie die Lehrer am Aue-und-Geest-Gymnasium Harsefeld in den nächsten Tagen folgen. An den drei Schulen sind heute Personalratssitzungen geplant, auf denen der Klassenfahrt-Boykott der Lehrer thematisiert wird. Das heißt: Gibt die rot-grüne Landesregierung nicht noch vor der entscheidenden Sitzung des Landtags am 10. Dezember nach, wird es ab dem nächsten Schuljahr für Schüler auf den Gymnasien im Landkreis Stade keine Klassen- und Kursfahrten mehr geben.
Die Fakten: Niedersachsens Lehrer an Gymnasien arbeiten im bundesweiten Vergleich am wenigsten, und auch bei einer Stunde Mehrarbeit bleiben sie weit im unteren Drittel. Sie arbeiten dann genauso viel, wie ihre Kollegen an den niedersächsischen Gesamtschulen, an denen im Regelfall ebenfalls die für Lehrer zeitintensiven Oberstufen existieren.
Aber: „Diese Zahlen werden gerne gegen uns verwandt“, sagt Cay-Uwe Ditschke, Lehrer und Personalrat am Athenaeum in Stade. Die Zahlen der Pflichtstunden seien aber ohne die Hinzunahme von weiteren Kriterien nicht vergleichbar. Die Lehrer in Niedersachsen bekämen zum Beispiel kein Weihnachtsgeld und stünden im bundesweiten Vergleich bei der Besoldung auf dem viertletzten Platz, so Ditschke.
„Bisher haben wir die zugemutete Mehrarbeit ohne gleichzeitigen finanziellen Ausgleich durch persönlichen Einsatz aufgefangen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Kollegien der Stader Gymnasien. Stichworte wie Abitur nach acht Jahren, Einführung der Profiloberstufe, Einführung der eigenverantwortlichen Schule und Ausbau der Ganztagsschule haben für die Gymnasien in den vergangenen Jahren Veränderungen gebracht. „Die Aussetzung der Klassenfahrten ist das geringste Mittel, das wir für unseren Protest haben“, sagt Lehrer Cay-Uwe Ditschke.
Den Lehrern ist in der Diskussion wichtig, dass Unterrichtsstunden nicht gleich Arbeitszeit sind. Ditschke: „Jede Stunde mehr Unterricht hat zusätzliche Vor- und Nachbereitung sowie mehr Korrekturen zur Folge.“ Seine persönliche Arbeitszeit würde je nach Schuljahresverlauf und unter Berücksichtigung der unterrichtsfreien Zeit zwischen über 40 Stunden und deutlich über 50 Stunden liegen. Ein Argument gegen eine weitere Mehrarbeit ist aus Sicht von VLG-Lehrer Nils Schraplau der Wegfall von Lehrerstellen. Allein an den Stader Gymnasien wären je fünf Stellen betroffen.
„Nach gründlicher Überlegung sieht sich die Schülerschaft nicht in der Lage, die Entscheidung des Kollegiums gutzuheißen“, sagt dagegen VLG-Schülersprecher Marco Albers. Klassenfahrten und Kursfahrten seien zentrale Ereignisse der Schullaufbahn und unverzichtbar für das Bilden intakter, solidarischer Gemeinschaften.
Am vergangenen Freitag war die Entscheidung der Stader Lehrer von den Schülern sehr strittig diskutiert worden. Einige Oberstufenschüler zeigten sich irritiert darüber, dass die Lehrer unter der schwarz-gelben Regierung die Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen fast kommentarlos hinnahmen, nun nach dem Regierungswechsel aber lautstark aufbegehrten. Hier vermuten einige politisches Kalkül. Die Schülervertretung am VLG will jetzt mit dem Personalrat Wege suchen, wie die Fahrten gerettet werden können. Bis dahin ruft sie die Schüler dazu auf, keine Alleingänge zu veranstalten. Am Wochenende war in sozialen Netzwerken im Internet von einem Sitzstreik gegen den Klassenfahrt-Boykott der Lehrer die Rede.
Der Schulelternrat des Athenaeums stellt sich hinter die Aktion der Lehrer – „auch wenn uns das angesichts der besonderen Bedeutung von Klassen- und Kursfahrten für unsere Kinder nicht leicht fällt“, so der Schulelternrat. Der Vorstand habe die Befürchtung, dass sie geplanten Sparmaßnahmen die Qualität der Ausbildung deutlich senken und die in Deutschland nötige Bildungsoffensive verhindern würden.

Das sagen die Schüler – Streit nicht auf dem Rücken der Schüler austragen

Börje Kaufmann (16), Elftklässler am Gymnasium Athenaeum:
„Ich finde es nicht gut, dass die Klassenausflüge gestrichen werden. Aber ich erkenne, dass die Lehrer eigentlich keine andere Wahl haben. Sie müssen eine Stunde länger arbeiten für das gleiche Geld. Ich finde das nicht gut, aber die Schuld liegt nicht bei den Lehrern, sondern bei der Politik.“
Nele Jungerberg (16), Elftklässlerin am Gymnasium Athenaeum:
Für sie sind Klassenfahrten unverzichtbar: „Dieser Beschluss ist schwachsinnig. Klassenfahrten sind irre wichtig. Der Klassenverband wird gestärkt, man hat auch ordentlich Spaß zusammen.“
Merle Risy (17), Elftklässlerin am Gymnasium Athenaeum:
„Die Lehrer machen es sich zu einfach. Ihre Entscheidung ist ungerecht. Sie nehmen den Schülern damit eine riesige Chance, mal etwas anderes zu sehen und sie in ihrer Gemeinschaft zu bestärken. Es ist aber gut, dass es jetzt eine öffentliche Diskussion gibt.“
Madeline Ziehdorn (15), Neuntklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich finde die Entscheidung nicht gut, weil wir Schüler ja nichts für die Pläne der Politik können. Die Klassenfahrten waren für uns immer etwas Besonderes. Die Lehrer sollten sich eine andere Form des Protests einfallen lassen und uns da nicht mit reinziehen.“
Vanessa Plate (15), Zehntklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich finde es echt schade, dass keine Klassenfahrten mehr stattfinden. Besonders für die jüngeren Klassenstufen ist das blöd, da die Klassenfahrten dazu dienen, eine gute Klassengemeinschaft aufzubauen. Auf der anderen Seite müssen wir den Beschluss der Lehrer hinnehmen. Sie haben wirklich keinen einfachen Job, und Klassenfahrten sind freiwillige Leistungen.“
Lene Nell (17), Elftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Wir sollten als Schulgemeinschaft zusammenhalten und mit den Lehrern zusammen versuchen, etwas zu bewirken.“ Schüler und Lehrer sollten die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam machen und versuchen, die Politiker zum Einlenken zu bringen.
Mirja Hansen (17), Zwölftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich habe großes Verständnis für die Entscheidung des Lehrerkollegiums. Die Tatsache, dass die Änderungen lediglich für die gymnasialen Lehrkräfte gelten, ist wirklich eine Frechheit, genauso wie das Ausmaß dieser neuen Beschlüsse. Ich würde nicht die Lehrer an den Pranger stellen, sondern eher die Ministerien.“
Evelyn Falk (18), Zwölftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich finde es unfair, dass die völlig unbeteiligten Schüler die Leidtragenden dieses Konflikts sind. Ich sehe es auch nicht ein, diesen Streik der Lehrer zu unterstützen. Ich finde es auch ehrlich gesagt ein bisschen daneben, dass sie damit jetzt bei uns ankommen, wo wir Oberstufenschüler gerade im Klausuren-Stress sind.“
Johannes Hochhaus (17), Zwölftklässler am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich finde, dass das Mittel, das die Lehrer gewählt haben, in keinem Verhältnis zur Stundenaufstockung steht. Die Schülerschaft kann nichts dafür. Ich frage mich allerdings auch, wieso es so einen organisierten Protest nicht schon bei der Einführung von G8 unter Schwarz-Gelb gab, wo es die Schüler direkt betraf.“
Luzie Lemmermann (17), Zwölftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Die Empörung der Lehrer über die Erhöhung der Wochenarbeitszeit ist verständlich. Jedoch finde ich es nicht gerechtfertigt, diese an den Schülern auszulassen. Die Schüler können am allerwenigsten dafür und dürfen auch nicht dazu eingesetzt werden, die Regierung durch Proteste umzustimmen.“
Laura Baumgarten (18), Zwölftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium:
„Ich kann verstehen, dass die Lehrer ihrem Unmut Luft machen wollen. Allerdings ist es eine Schande, dass unsere Lehrer das über uns Schüler versuchen. Wenn die Lehrer mit dem, was die Landesregierung plant, nicht einverstanden sind, sollen sie sich selbst dagegen einsetzen.“
Quelle: Stader Tageblatt vom 27.11.2013