Vincent
Lübeck
Gymnasium
Stade

Von der Töchterschule zum allgemeinen Gymnasium

Von der Töchterschule zum allgemeinen Gymnasium

STADE. Vincent-Lübeck-Gymnasium? Das ist doch eine Mädchenschule. Ganz Unrecht haben die gelegentlich noch zu vernehmenden Stimmen älterer Stader nicht. Zwar besuchen das heutige VLG heute natürlich nicht nur Mädchen, aber es wurde 1863 als städtische Töchterschule gegründet.
Ab 28. September wird gefeiert
Den Anlass dazu bot ein politischer Konflikt: Die Hannoversche Regierung wollte landesweit einen konservativen Katechismus einführen. Das lehnten die liberalen Stader ab und ordneten gleichzeitig die unübersichtliche Situation in der Mädchenbildung. Die neue Schule im Hülsemannschen Haus am Cosmaekirchhof hatte drei Abteilungen: In der gemeinsamen Grundschule wurden alle Mädchen gemeinsam unterrichtet, bevor sie sich in den mittleren und die höheren Zweig aufteilten.
„Höher“ leitete sich eher aus der gesellschaftlichen Stellung der Eltern ab als aus den Anforderungen. Dementsprechend war auch das Schulgeld gestaffelt. Der Lehrplan sah neben viel Religionsunterricht vor allem Sprachunterricht vor. Ihrem späeren Ehemann sollten die Schülerinnen ebenbürtige Gesprächspartnerinnen sein. Neben Deutsch wurden Französisch und Englisch als Fremdsprachen vermittelt, dazu Geschichte, Geographie, Singen und Handarbeit.
Naturwissenschaften fehlten zunächst ganz, Rechnen lernten die Mädchen nur für den Hausgebrauch. Die Schule endete mit dem heutigen 9. Schuljahr. Stärker praktisch ausgerichtet war dagegen die mittlere Töchterschule.
Die weitere Schulgeschichte ist zugleich die des sich wandelnden Frauenbildes. Erst seit 1894 gab es verbindliche Lehrpläne für Mädchenschulen in Preußen. Der 908 definierte Standard näherte die höheren Mädchenschulen den Jungengymnasien an, ohne sie gleichzusetzen. Er stärkte die Bedeutung von Mathematik und Naturwissenschaften. Die Mittlere Töchterschule wurde ausgegliedert. Aus der Höheren Töchterschule wurde das Städtische Lyzeum mit zehn Jahrgängen. Einen Abschluss vergab sie allerdings nach wie vor nicht. Wer weiterkommen wollte, musste anschließend auf das Oberlyzeum nach Lüneburg wechseln.
Längst war das alte Schulgebäude zu klein geworden. Schulleiter Dr. Arnold Galle arbeitete daher beharrlich an der Verbesserung der Raumsituation – mit Erfolg: 1929 wurde das Lyzeum in das heutige Seminargebäude in der Bahnhofstraße 5 verlegt, nachdem das Athenaeum in die Harsefelder Straße gezogen war. Im neuen Gebäude bestanden dann 1930 zehn Schülerinnen die erste Abiturprüfung. Aus der Töchterschule war endlich ein vollwertiges Gymnasium geworden.
In den ersten Jahrzehnten waren akademisch gebildete Lehrer für die beiden oberen Klassen der Höheren Töchterschule schwer zu finden, zudem zahlte der Magistrat schlecht. Entsprechend oft wechselten Schulleiter und wissenschaftliche Lehrer. Die Lehrer der unteren Klassen hingegen blieben über Jahrzehnte hinweg ihrer Schule treu und genossen in der Stadtbevölkerung anscheinend hohes Ansehen aufgrund ihrer pädagogischen Begabung und lauteren Menschlichkeit. Frühzeitig bemühte man sich um eine Steigerung des Lehrerinnen-Anteils. Mit den wachsenden Ansprüchen stiegen auch die Erwartungen ans Kollegium. Die Zahl studierter Lehrerinnen und Lehrer stieg an.
Das 20. Jahrhundert ist dann von langfristig amtierenden Schulleitern und vor allem Schulleiterinnen geprägt, an die sich so manche Ehemalige noch erinnern werden: Der strenge, gefürchtete Dr. Arnold Galle (1917-1947), Dr. Hildegard Reiter (1947-1965), Dr. Brigitte v. Lingelsheim-Seibicke (1968-1984), Klaus Piller (1990-2002) und seit 2002 Dr. Jutta Neemann verkörper(te)n jeweils unterschiedliche Lehrergenerationen und Bildungsverständnisse.
Nachwirkung der Schulgeschichte: Das Lyzeum – seit 1957 trug es den Namen „Vincent-Lübeck-Schule“ – brachte vor allem spätere Lehrerinnen hervor. Das VLG kann daher bis heute nicht mit einer Phalanx großer, alter Männer aufwarten.
Vieles änderte sich 1974. Die Einführung der Koedukation und die Einrichtung von Schuleinzugsbereichen auch für Gymnasien konnte nur mit einem größeren Schulgebäude bewältigt werden. Der Landkreis, seit 1970 Schulträger, ließ an der Glückstädter Straße neu bauen. Damit endeten 111 Jahre reiner Mädchenbildung.
Das VLG wurde zum Kreisgymnasium für die Stadt Stade nördlich der Bahn, die Stader Geest nördlich der B 74, das südliche Kehdingen und (bis 1991) das Alte Land westlich der Lühe. Und seit 1994 heißt es auch Vincent-Lübeck-Gymnasium, wird aber im Sprachgebrauch noch häufig VLS genannt.
Pläne des Landkreises, das VLG an den Standort Hahle zu verlagern, sorgten 2005 für Unruhe. Dank des Engagements der Schulöffentlichkeit konnte der Umzug abgewendet werden. 2010/11 entstand dann am Miericke-Weg ein Schulanbau.
Derzeit wird das VLG von rund 1 250 Schülerinnen und Schülern der Jahrgänge 5 bis 12 besucht, die von 115 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden.
Der Verfasser ist Studiendirektor am Vincent-Lübeck-Gymnasium und Fachleiter für Geschichte am Studienseminar Stade für das Lehramt an Gymnasien.Quelle: Stader Tageblatt vom 12.09.2013