Vincent
Lübeck
Gymnasium
Stade

Pakistan hat massive Konflikte

Pakistan hat massive Konflikte

STADE. Vor kurzem ist er vom pakistanischen Islamabad ins türkische Istanbul umgezogen, der im Alten Land aufgewachsene Spiegel online-Journalist Hasnain Kazim. Als er am Sonntagvormittag in seiner ehemaligen Schule, dem Vincent-Lübeck-Gymnasium, über seine Arbeit als Korrespondent in einer Krisenregion sprach, räumte er ein, dass der Umzug vor allem aus Sicherheitsgründen erfolgt sei – um sich und seine junge Familie zu schützen.
Hasnain Kazim bei seinem Vortrag am Sonntag im Vincent-Lübeck-Gymnasium.
Den gut 200 sehr aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörern vermittelte Kazim ein facettenreiches Bild von den vier Jahren, in denen er für Spiegel online aus Pakistan und Afghanistan berichtet hat. Er sprach von den Gefährdungen im Alltag durch Bombenanschläge und persönliche Bedrohungen, schilderte das Alltagsleben, das unter anderem durch 12 bis 16 Stunden Stromausfall täglich und bis über 40 Grad heißes Klima geprägt ist und in dem sehr unterschiedliche politische Kräfte am Werk sind.
Pakistan selbst sehe sich nicht als Krisenland, schilderte Kazim, der seine pakistanisch-indische Abstammung dank intensiverer Kenntnisse von Kultur und Sprache und nicht zuletzt auch unauffälligen Aussehens für seine Arbeit nutzen konnte. Das Land habe massive politische, ethnische und wirtschaftliche Konflikte; es sei ein korruptes Land, in dem sich mit Geld alles kaufen ließe.
Politiker wirtschafteten dort in die eigenen Taschen. Die Gesellschaft sei feudal strukturiert, Großgrundbesitzer gäben den Ton an. „Die Amerikaner durchschauen das nicht“, merkte Kazim an. Dadurch würden ihre Projekte auch nicht funktionieren. Daran etwas zu ändern, hieße, die Kultur des Landes zu ändern. Das aber sei sehr schwierig.
Seine Rolle als Journalist in Pakistan beschrieb Kazim als die desjenigen, der aus deutscher Perspektive für Menschen in Deutschland beschreibe, was sich ereignet, ohne dabei auf das Land und seine Menschen von oben herab zu schauen und ihnen gegenüber auch nicht verletzend zu wirken – ein manchmal recht schwieriger Balanceakt. Er sei sich dabei immer seiner besonderen Situation bewusst gewesen: er selbst habe jederzeit gehen können, Millionen Pakistaner aber könnten das nicht.
Kazim berichtete von dramatischen Ereignissen und brenzligen Situationen, die er miterlebt hat und die ihm immer noch nachgehen. Er schilderte, dass der Westen nicht umhin komme, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen, dass klar sein müsse, wie sehr das über Atomwaffen verfügende Land auch von Mullahs und Militärs geprägt sei und dass sich die Massen der Bevölkerung nicht gegen die Zustände in ihrem Land auflehnten. Es sei eine vertrackte Situation; er selbst sehe dafür sehr pessimistisch in die Zukunft.
Pakistan sei gekennzeichnet durch einige Absurditäten. Das Land gebe Unsummen für seine Atomwaffen aus, während Arbeitnehmer sehr schlecht bezahlt würden. Die Menschen hätten ein sehr karges Leben, vor allem auf dem Land, wo es auch kaum oder keine Schulen und schlechte Versorgung, nicht nur mit Strom, gebe. Da der Staat nicht für Schulen sorge, sorgten die Mullahs mit Koranschulen für den Unterricht von Kindern. Mädchen hätten da fast keine Bildungschance.
Was er denn in Pakistan schön gefunden habe, wollte ein Zuhörer nach all den Beschreibungen schwieriger Realitäten wissen. Genauso wenig wie bei anderen Fragen, war Kazim um keine Antwort verlegen: „Es ist ein teilweise wunderschönes Land – und es hat wunderbare Menschen.“Quelle: Stader Tageblatt vom 12.08.2103