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NSU-Morde lehren: Dem Staat nicht alles glauben

NSU-Morde lehren: Dem Staat nicht alles glauben

STADE. „Wir wissen so wenig“, erklärte eine betroffene Schulleiterin Jutta Neemann, nachdem der Ex-VLG-Schüler Dierk Borstel zwei Stunden lang Einblicke in den Rechtsextremismus in Deutschland gegeben hatte. Der Politologe und Aussteiger-Betreuer hatte es verstanden, sein Publikum mit Einblicken in seine Feldforschung und klaren Antworten auf anschließende Fragen in den Bann zu ziehen.
Dierk Borstel macht es Angst, dass sich abgehängte Menschen von der Demokratie abkehren. Foto Eidtmann
Borstel bestritt die vierte Matinee-Veranstaltung zum 150-jährigen Bestehen des Vincent-Lübeck-Gymnasiums. An seine Schulzeit hat der Abiturient von 1992 wenig spektakuläre und gute Erinnerungen, aber er hob die Unterstützung von Schulleiter Klaus Piller für seine Organisation einer Lichterkette und Reden gegen Rechtsextremismus hervor. „Zu diesem Thema war die Schule immer sauber.“
Die Zeiten von Fremdenfeindlichkeit und Übergriffen in Rostock und Hoyerswerda, die Ermordung eines Kapitäns in Buxtehude und Hakenkreuze auf Autos in der Nachbarschaft haben ihn im Erwachsenwerden und beruflichen Weg geprägt. Spätestens seit dem Erwerb seines Professortitels gilt der erfahrene Politikwissenschaftler der Fachhochschule Dortmund, Feldforscher und Community-Coach auch in offizielleren Kreisen als ausgewiesener Extremismus-Experte.
Und selbst er als jahrelanger Beobachter der Szene und harscher Kritiker des Verfassungsschutzes hatte nicht einen Moment lang an einen rechtsextremen Hintergrund der Morde gedacht, die von der NSU-Zelle Zwickau begangen wurden. Auch er glaubte das, was die staatlichen Stellen glauben machten: Es handele sich um Bandenkriege, kriminelle Machenschaften.
Unerträglich findet Borstel, dass Angehörige als Verdächtige galten und stundenlang verhört wurden, gut findet er, dass man ihnen und den Opfern heute soviel Aufmerksamkeit schenkt. Sein Fazit und seine Botschaft: „Nie wieder glauben.“ Hier hätten Staat und Gesellschaft eklatant versagt. Für den deutschen Geheimdienst wünscht sich der Gewaltforscher einen kompletten Neuaufbau. Zu alt und wenig zielführend seien seine Instrumente, zu groß sein Selbstzweck.
Gefragt nach seiner Haltung zu einem NPD-Verbot, formuliert Dierk Borstel ein klares Nein. Zwar seien in den letzten Jahren zehn Millionen Euro Steuergelder an die Partei geflossen und er verstehe die Kritik daran. Aber das lasse sich anders lösen. Die NPD sei vorbereitet auf ein Verbot, habe Besitztümer in private Hände überführt. Das Verbot, so seine Sorge, führe zu einer Radikalisierung, die militanten Kreise bekämen einen personellen Schub. „Das muss man abwägen.“
Führerkult und NS-Zeit beschrieb der Politologe in der rechten Szene als „überwunden“. Die Gefahr gehe von Sinnsuchern und Kümmerern aus, die eine moderne Kritik an Globalisierung und fehlender sozialer Gerechtigkeit formulierten und dabei den Nerv der Menschen träfen. In „milieubezogenen Netzwerken“ sind sie aktiv, im Westen wie im Osten, wenig greifbar und doch gefährlich. Wie sie agieren führte Borstel an einem Beispiel aus Vorpommern vor Augen. Und auch wie man der Szene begegnen kann: Mit klarer Haltung und dem Drehen und Gewinnen von Mehrheiten. „Fünf Rechtsextreme“, so sein Beispiel, können Aktivisten und Wortführer sein und viel Einfluss haben, aber sie können auch isoliert sein und ungehört am Rande stehen.
Für die Zukunft ist der Experte eher pessimistisch. Die Entfremdung von der Demokratie mit einem von ihr selbst herbeigeführten verheerenden Vertrauensbruch macht ihm Sorgen. „Die Systemfrage ist offen.“Quelle: Stader Tageblatt vom 15.04.2013