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Gymnasium
Stade

Kriegswirren und Sittenverfall

Kriegswirren und Sittenverfall

Theater-AG des Vincent-Lübeck-Gymnasiums probt für ihren Auftritt in Stader Seminarturnhalle

STADE. Am 28. und 29. Januar zeigt die Theater-AG des Vincent-Lübeck-Gymnasiums in der Stader Seminarturnhalle das Stück "Simplicissimus". Erzählt wird darin die Geschichte eines Jungen, der in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges aufwächst und das völlig demoralisierte Leben der Menschen in dieser Zeit am eigenen Leib zu spüren bekommt. Jugendreporter Daniel Beneke (17), VLG-Schüler und selbst Mitglied des Ensembles, berichtet von dem Werk und den Proben für die bevorstehenden Aufführungen.
Immer freitags nach der sechsten Stunde, wenn andere Schüler ins Wochenende entfliehen, trifft sich eine Gruppe von Elft- und Zwölftklässlern im Raum 135, einem besonders großen Unterrichtsraum im ersten Obergeschoss. Seit Jahrzehnten probt hier die Theater-AG unter der Leitung von Jörn-Martin Schöning ihre Stücke. Zwei Stunden jeden Freitag - und wenn nötig, auch am Wochenende.
Seit rund einem Jahr probt das Ensemble das Stück "Simplicissimus", dessen Bühnenfassung von Soeren Voima nach dem gleichnamigen Barockroman von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen aus dem Jahre 1669 verfasst wurde. Die Geschichte spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648). Der Krieg um die politische und religiöse Vorherrschaft in Europa war geprägt von langen Kämpfen und Schlachten, die der Bevölkerung jeden Lebensmut und jede Hoffnung nahmen. Es war eine Zeit, in der Papisten, Lutheraner und Calvinisten erbittert um den rechten Glauben stritten. Doch der wurde immer mehr zum Vorwand für Machtmissbrauch und Einflussnahme, Selbstbereicherung und Hemmungslosigkeit. In allen Schichten der von Krieg, Hunger und Elend gezehrten Bevölkerung setzte ein völliger Sittenverfall ein. Die Lebensrealität zu dieser Zeit war wohl eine nie dagewesene Perversion jedweder christlichen Moralvorstellungen. Dargestellt wird die furchtbare Situation in dem Stück anhand der Geschichte eines zunächst namenlosen Jungen, der im Spessart bei einem Bauern aufwächst. Nachdem der naive und ahnungslose Knabe, der eigentlich bloß die Schafsherde des Hofes bewachen soll, Banditen zu dem Hof führt, die das Hab und Gut plündern und das Vieh schlachten, flieht er vor Angst in den Wald. Dort findet er Zuflucht bei einem Eremiten, von dem er den Namen "Simplicius" (lateinisch für "der Einfältige") erhält.
Ein sicheres Leben ist ihm nicht vergönnt. Der Eremit ist alt und stirbt bald. Simplicius zieht weiter, verdingt sich als Diener beim schwedischen Stadtkommandanten von Hanau. Von Soldaten zu einem Narren gemacht, flieht er verkleidet als Mädchen. Als er in der Stallung eines Rittmeisters eine Bleibe gefunden zu haben glaubt, entgeht er dort nur knapp einer Vergewaltigung durch das Rittmeister-Ehepaar. Simplicius wird in die Kriegswirren hineingerissen, nimmt an Raubzügen teil und wird berühmt als ein trinkfreudiger Offizier.
Längst hat er selbst kein Interesse mehr an einem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen, würde der Frieden ihm doch bloß die Möglichkeit nehmen, nach dem Prinzip zu leben, das besagt, sich stets das nehmen zu können, was man kriegen kann. Im Kampf ums Überleben ist immer derjenige besser dran, der zuerst schießt. Wie sagt er es doch selbst so schön: "Friss oder stirb, töte oder werde getötet." Schließlich ist Simplicius fest entschlossen, sich im Rhein zu ertränken. Doch er sieht davon ab, weil er nicht weiß, was schlimmer ist: am Leben zu bleiben oder ins Reich der Toten zu gelangen. Unser Stück hat über 30 Rollen. Daraus ergibt sich für uns neun Spielerinnen und Spieler die Notwendigkeit, permanent die Rollen zu wechseln. Eine Aufgabe, die es uns zunächst nicht gerade leicht machte. Doch nach monatelangen intensiven Proben bekommen wir ein Gefühl dafür, dass das Hin und Her der Rollenwechsel die Wirren der damaligen Zeit ganz gut widerspiegelt.
Außerdem mussten wir uns in den letzten Wochen während unserer Proben auch noch mit anderen Fragen jenseits des reinen Theaterspielens beschäftigen: Mit welchen Kostümen wird welche Rolle ausstaffiert? Wo bekommen wir unsere Requisiten her? Wie stellen wir die Szenenwechsel dar? Wann setzen wir welche Musik ein? Doch auch diese Fragen konnten wir klären.
So nutzen wir nun die wenigen noch anstehenden Proben zur Perfektion unseres Spiels und zu einem guten Einprägen der Abläufe, damit die Zuschauer bei den Vorstellungen Ende Januar von einer schnellen Vorstellung beeindruckt werden und einen spannenden Theaterabend erleben. Informationen

Die Theater-AG des Vincent-Lübeck-Gymnasiums zeigt ihr Stück "Simplicissimus" am Montag, 28., und Dienstag, 29. Januar, jeweils ab 20 Uhr in der Seminarturnhalle in Stade. Karten gibt es im Sekretariat des VLG unter 04141/ 79 79 00, bei der Seminarturnhalle und in der Buchhandlung Waller. Schüler zahlen 5 Euro, Erwachsene 8 Euro. Quelle: Stader Tageblatt vom 19.01.2013