Vincent
Lübeck
Gymnasium
Stade

"Widerstand": Ein erschütternder Blick in menschliche Abgründe

"Widerstand": Ein erschütternder Blick in menschliche Abgründe

Auf der Studio-Bühne des Stadeums beeindruckte die Theater-AG des Vincent-Lübeck-Gymnasiums nachhaltig mit zwei Einaktern über Gewissen, Schuld und Tod

Katharina Erdmann STADE. Unter dem Motto "Widerstand" beeindruckte die Theater-AG des Vincent-Lübeck-Gymnasiums nachhaltig mit zwei Einaktern, die die Jugendlichen auf die Studio-Bühne des Stadeums brachten. Ein leichtes Unwohlsein beschleicht den einen oder anderen Zuschauer beim Anblick der Mitglieder der französischen Résistance-Bewegung, gerade aufgegriffen von Kollaborateuren, die nun zu ihren Peinigern werden. In Jean-Paul Sartres "Tote ohne Begräbnis" zwingen Gefangenschaft und Folter den Menschen in die gnadenlose, existentielle Auseinandersetzung mit sich selbst: Wer bin ich, wenn es drauf ankommt? Altruist oder Egoist? Angesichts des drohenden Todes durchlebt jeder einzelne Gefangene binnen kurzer Zeit individuelle Höhen und Tiefen des menschlichen Seins. Ausdrucksstark und einprägsam zeigen die Gymnasiasten, zu welch abartigem, Vernunft und Herz widersprechendem Verhalten der Mensch fähig ist. Die Szenen zeigen abwechselnd in Folterkammer und Gefängniszelle die Auseinandersetzung zwischen Peinigern und Gepeinigten, untereinander und miteinander. Die von Szene zu Szene eingespielten klassischen französischen Chansons tun mit dem schmerzvoll-melancholischen Aufrufen von Freud und Leid ein Übriges.
Der Résistance-Kämpfer Canoris kommt zu folgender Einsicht: "Wir haben nicht das Recht, für nichts zu sterben." Was jedoch auch immer er und seine Mitstreiter in ihrer aktuellen Lage tun - am Schluss müssen alle sterben, durch eigene oder fremde Gewalt.
Was bleibt angesichts dieser vernichtenden Trostlosigkeit? Zum einen die glasklare Erkenntnis der Ausweglosigkeit, zum anderen der Aufruf zu einem entschiedenen Dennoch, sprich, zum Abwenden des Schlimmstmöglichen: zu sterben, bevor der Tod eintritt. Die Doppelbotschaft Sartres "Tot, aber lebendig", leuchtet erhaben auf, als die drei verbliebenen Gefangenen nebeneinander vor ihren Folterknechten stehen, und der über ihren Köpfen projizierte Stacheldraht zugleich die ausweglose Gefangenschaft und ein dem Tod trotzendes, schützendes Dach darstellt.
Auch in Athol Fugards Einakter "Die Insel" geht es um Gefangenschaft, diesmal um zwei Gefangene auf einer namenlosen Insel. Auch hier geht es um die Auseinandersetzung mit Schuld. Einer der beiden Gefangenen, Winston, kann sich schon gar nicht mehr daran erinnern, was er verbrochen hat - so lange sitzt er bereits im Gefängnis. Hier und da kommt im Zuschauerraum Lachen auf, da die beiden Darsteller die schnoddrigen, scheinbar unkultivierten Gefangen so überzeugend sich hin- und herstreiten lassen. Dann aber wird deutlich, dass der Gefangene John, dem bald die Freilassung in Aussicht gestellt werden wird, mit seinem Plan ernst macht, die antike Tragödie "Antigone" aufzuführen.
Winston weigert sich anfangs heftig, die Rolle der Antigone zu übernehmen; er hat Angst um seine Männerehre vor dem Publikum, den übrigen Gefängnisinsassen. Doch John gelingt es, seinen Mithäftling davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, mit Antigone gesprochen, Recht und Unrecht zu hinterfragen und nach seiner persönlichen Überzeugung zu handeln - auch wenn man dafür unschuldig ins Gefängnis geht.
An unterschiedlichsten Schlaginstrumenten bringen Schüler des VLG selbst komponierte Stücke zu Gehör, die variationsreich den Kampf der beiden Häftlinge mit sich selbst, ihren Lebensumständen und Lebensinhalten Ausdruck verleihen. Auch in diesem Einakter begleiten schwarz-weiße Fotoprojektionen treffend die Gefängnisszenerie. Was aus John und Winston wird, erfährt man nicht. Das ist aber auch nicht notwendig, denn zur Aufführung der "Antigone" kommt es. Und am Ende behält John Recht: Das Lachen der Mitgefangenen werde früher oder später verebben - das sei die Bestätigung, richtig gehandelt zu haben. Gab es Lachen beim Publikum des Stadeum? Kaum. Eher das beklemmende Gefühl, doch schließlich die Mitgefangenen zu sein. Gewissen, Schuld und Tod werden heutzutage nur allzu gern verdrängt und damit herabgewürdigt.
Dass es Jörn-Martin Schöning gelungen ist, gerade junge Menschen sich mit diesen so "spaßfreien", aber lebensnotwendigen Themen gewinnbringend auseinandersetzen zu lassen, lässt hoffen. Lob für und Dank an alle Mitwirkenden dieser wertvollen Inszenierung.
Text Quelle: Stader Tageblatt vom 08.03.2012