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Vermisst: Die Freunde in Japan

Gastfamilien unter Schock - Am kommenden Freitag sollten sie Besuch aus der vom Tsunami zerstörten Region um Sendai erhalten


Susanne Helfferich STADE. Die Bilder des in Japan wütenden Tsunamis und des zerborstenen Atomreaktors in Fukushima schockieren die ganze Welt. In Stade sind Schüler und Lehrer des Vincent-Lübeck-Gymnasiums besonders betroffen. 15 Gastfamilien steckten mitten in den Vorbereitungen, um am kommenden Freitag ihre Freunde aus dem japanischen Sendai aufzunehmen. Seit dem Wochenende ist der Besuch mehr als ungewiss. Die Region um Sendai im Nordosten Japans und nur 130 Kilometer vom Epizentrum des verheerenden Erdbebens entfernt ist weitgehend zerstört. Verzweifelt versuchen die Stader Schüler, über Facebook Kontakt zu ihren Gastgeschwistern aufzunehmen. In einigen Fällen ist es gelungen.
Zwei Nächte hat Clara-Marie Schülldorf kaum ein Auge zugemacht. Doch seit dem frühen Sonntagmorgen weiß sie: Ihre Gastschwester Saya hat überlebt. "Ihr selbst und ihrer Familie geht es gut", sagt die Wiepenkathenerin erleichtert. Es ist Sonntagvormittag und sie sitzt mit ihren Schulkameraden Steffen Mühlenkamp und Arne Balzer um den Wohnzimmertisch. Alle drei haben ihre Laptops aufgeklappt. Handys liegen auf dem Tisch - jederzeit erreichbar.
Steffen und Arne hatten am Freitagvormittag von dem schweren Erdbeben erfahren, als sie mit ihrem Lehrer Details zum bevorstehenden Besuch aus Japan besprechen wollten. "Sofort dachten wir an unsere Gastschwestern Haruka und Mari", erzählt Steffen. Kaum zu Hause angekommen versuchten sie über Facebook, Kontakt zu ihnen zu bekommen. Der erste Augenzeugenbericht kam am Freitag um 15 Uhr hiesiger Zeit. Nana, eine andere Austauschschülerin, berichtete aus Japan: "Das Erdbeben geht die ganze Zeit weiter. Wir sind gerade im Auto und ich kann mit meinen Freunden keinen Kontakt aufnehmen. 200 bis 300 Ertrunkene wurden an die Küste geschwemmt. Ich hoffe, dass es bald Morgen ist. Es ist alles so dunkel", schrieb sie auf Englisch. "Danach war ich fix und fertig", so Clara-Marie.
 
Informationszentrale am Wohnzimmertisch: Arne Balzer, Steffen Mühlenkamp und Clara-Marie Schülldorf suchen wie viele ihrer Mitschüler über Facebook Kontakt zu ihren japanischen Gastgeschwistern und informieren auch gleich ihre Lehrer über die Situation in Sendai. Foto Helfferich

Clara-Marie mit Saya im Oktober an der Küste vor Sendai.
Seither laufen die Rechner heiß. "Wir geben über Google person finder Suchmeldungen ein mit Daten zu unseren Freunden und erhalten so Infos", erzählt Clara-Marie, "aber das Problem ist, dass wir da auch ganz viele Falschmeldungen bekommen." Bis Sonntagnacht hat sich Clara-Marie große Sorgen gemacht. "Meine Gastfamilie wohnt direkt an der Pazifikküste", erzählt sie. Über Facebook erfuhr sie, dass das Haus zerstört wurde. "Letzte Nacht um drei Uhr kam endlich der erlösende Anruf. Saya und ihre Familie haben überlebt."
Auch Steffen hat Nachricht. Am Freitag schrieb Haruka bereits: "Ich bin so traurig. Ich kann nichts denken. Ich bin total geschockt." Sie hat auch erzählt, dass es Arnes Gastschwester Mari gut geht. "Doch direkten Kontakt habe ich bisher nicht zu ihr", sagt Arne. Dafür kam Nachricht von Yuki, einer anderen Freundin. Japanische Schriftzeichen blinken bei Facebook auf. Arne lässt es von Google übersetzen. "Es war ein wirklich schreckliches Erdbeben", bestätigt Yuki. "Danke für Eure Sorgen. Ich weiß nicht, ob alle überlebt haben."
Parallel zu seinen Recherchen informiert das Trio auch die am Austausch beteiligten Stader Lehrer über den Stand der Dinge. Brigitte Keuchen, eine der Koordinatorinnen, hatte am Sonntag noch keinen direkten Kontakt zur Schule oder zu Freunden in Sendai. "Angesichts der katastrophalen Lage gehen wir davon aus, dass dies auch noch etwas dauern wird und die Menschen primär damit beschäftigt sind, ihre Familien zu finden." Per SMS hält Arne die VLG-Lehrerin auf dem Laufenden, zu wem die Schüler bereits Kontakt haben.
"Jetzt sind wir erst einmal erleichtert, dass unsere Freunde überlebt haben", sagt Steffen. Angesichts der drohenden Atomkatastrophe bleibt die Sorge. "Die können ja nirgendwo hin."


Partnerschule in Sendai
Sendai liegt im Nordosten Japans etwa 30 Kilometer von der Küste entfernt und 60 Kilometer nördlich von Fukushima. Das Epi-Zentrum des verheerenden Erdbebens vom Freitag lag gerade einmal 130 Kilometer von der Millionenstadt entfernt. Medienberichten zufolge ist die Region um Sendai von den Folgen der Naturkastrophe am stärksten betroffen. Seit 2007 pflegt das Stader Vincent-Lübeck-Gymnasium eine Partnerschaft mit der Shokei Gakuin Junior High School in Sendai. Im vergangenen Oktober waren VLG-Schüler zuletzt in Sendai. Am kommenden Freitag sollten 15 Schülerinnen und Schüler und zwei Begleiter aus Japan zum Gegenbesuch in Stade eintreffen.

Stader Tageblatt vom 14.03.2011

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